Zum Fastival ins Oberallgäu
Wandern, Tee, Leberwickel und der natürliche Weg zu neuem Wohlbefinden - Von einem, der auszog, das Fasten zu lernen
Altusried/Wurms. Andächtig starren wir auf unsere Teller. Auf jedem ein Apfel. Sonst nichts. Pausbäckig lacht er uns an. Fast eine halbe Stunde brauchen wir, um das dralle Prachtstück in seine Elementarteilchen zu zerlegen und sorgfältig zu zerkauen. Ein wahrer Festschmaus! Nach fast einer Woche ohne ein Gramm feste Nahrung. Ohne Kaffee, Salz, ohne den Vitamin B-Killer Zucker, ohne Alkohol und Zigaretten sowieso. Statt dessen Tee bis zum Abwinken: Kräuter, Roibush-Vanille, Grüner Hafer, Apfel-Zimt, Preiselbeer, Fenchel-, Verbene-Zitronen. Mittags Obstsäfte. Abends eine aus frischem Gemüse destillierte klare Brühe. Eben alles, was der Mensch nur so braucht, wenn er seinen Organismus auf Autopilot schaltet.
Sechs Tage und sechs Kilo leichter. An einem sonnigen Sonntagnachmittag erreiche ich das an den Illerstausee angrenzende, von einem Freund empfohlene „Haus am See“. Einsam liegt mitten im tief verschneiten Landschaftsschutzgebiet der umgebaute, ehemalige Bauernhof. Um sechzehn Uhr sitzen wir am großen Holztisch im hellen, gemütlichen Gemeinschaftsraum: Christiane und Dorothee, Mutter und Tochter aus München, Gisela aus Köln, Pia aus Würzburg, Brigitte Gerlinde aus dem Hessischen und ich als einziger Vertreter des fastenmäßig eher schwachen Geschlechts.
Christine, die einfühlsame Seminarleiterin und fürsorgliche Hausherrin, erläutert uns nach der obligatorischen Vorstellungs- und Mit-welchen-Erwartungen-bist-Du-hergekommen-Runde das Programm für die nächsten Fastentage. Dass es darauf ankomme, Ballast abzuwerfen, alle Arten von Ausscheidungen zu fördern und den Darm zu entlasten. So endet der erste Tag auch mit der widerwilligen, aber entschlossenen Einnahme eines halben Liters mit Glaubersalz versetzten Quellwassers. Der bittere Cocktail sollte seine Schleusen öffnende Wirkung nicht verfehlen.
Nach dem gemeinsamen Frühstückstee ausgiebige Wanderungen durch die hügelige Voralpenlandschaft
Montag morgen, 9 Uhr. Im vom Sonnenlicht durchfluteten Hallenbad treffen wir uns zur Frühgymnastik im Wasser. Eine halbe Stunde Übungen, die den Körper langsam, aber stetig auf Betriebstemperatur bringen. Um 10 Uhr „Frühstück“ mit „Befindlichkeits-Umfrage“: Frühstückskräuter- und andere Tees, das herrliche, energetisch aufbereitete Quellwasser, das es aus jedem Hahn gibt, ein Löffel Honig, Zitronenschnitze, Apfelessig und – bei Bedarf bzw. Unwohlsein – ein Glas in Wasser aufgelöster Heilerde. Der eine oder andere Magen knurrt unüberhörbar. Es braucht eben seine Zeit, bis der Organismus begriffen hat, dass er von seinen eigenen Depots leben, also von äußerer auf innere Ernährung umstellen soll.
Plötzlich kommt Inge hereingeschneit. Ihre Fröhlichkeit steckt sofort an. Sie ist für die Programm-Highlights Wandern und Abendgestaltung verantwortlich. Nun beginnt das tägliche Herzstück unserer Fastenwoche. Eine zweieinhalbstündige Wanderung durch das hügelige, voralpenländische Oberallgäu. Der Oberallgäuer Rundwanderweg führt direkt an der Haustür vorbei. Wir durchwandern, vorbei an vereinzelten Gehöften, riesige Weiden, dichte Mischwälder und bergige Anhöhen, genießen die Winterlandschaft, den Fernblick auf die Zugspitze und die sonnigen Vorzüge eines Hochs mit weiblichem Namen, das uns die ganze Woche über verwöhnen sollte. Zwischendurch gönnen wir uns kurze Rastpausen mit Tee, Saft und Zitronenschnitzen.
Um 14 Uhr das frugale Mittagsmahl: Frische Obstsäfte, die – weil in ihrer natürlichen Konzentration zu stark - mit Quellwasser verdünnt werden. Dann ein Hausmittel, das wir von unseren Großeltern her kennen. Sogenannte Leberwickel. Ein zu einem Drittel mit warmem Wasser angefeuchtetes Leinhandtuch wird um eine heiße Wärmflasche gewickelt und auf die Leber gelegt. Die Leberwickel fördern die Entgiftung des Zentralorgans und tun einfach himmlisch gut. In den folgenden Tagen kombinieren wir diese wärmende Wohltat mit einem ausgiebigen Sonnenbad auf dem Liegestuhl im Garten vor dem Seminarhaus. Die Sonne hat, rund 700 Meter über dem Meeresspiegel, eine solche Kraft, dass man sich sogar im Winter in Badehose und Bikini räkeln könnte.
Oberstes Gebot:
Stets mehr trinken als der Durst verlangt. Den ganzen Tag über stehen mächtige Thermosflaschen mit den verschiedensten Teesorten bereit. Zum Abendessen um 18.30 Uhr ein Teller Gemüsebrühe, die mal nach Broccoli, mal nach Blumenkohl, mal nach Tomate schmeckt. Um 19.30 Uhr Abendprogramm im studioartigen Seminarraum unterm Dach. Inge klärt über den Sinn des Fastens auf. Und über die praktischen Notwendigkeiten. Endlich wird mir klar, was ich unter den zum Fastenseminar mitzubringenden Gegenständen nicht verstanden und daher „vergessen“ hatte. Ein Instrument mit dem beschönigenden lateinischen Namen Irrigator. Besser als Einlaufgerät bekannt. Ein Plastikbehälter mit einem langen dünnen Schlauch und einem separaten Rohrstück. Später die Probe aufs Exempel. Ungefähr ein Liter lauwarmes Wasser findet seinen Weg durch den Schlauch in den unendlichen Darm. Der Erfolg kommt prompt. Dieses Ritual, so schärft uns Inge mit all ihrem dem pikanten Thema abzuringenden Charme ein, sollten wir am besten täglich wiederholen, um den Reinigungsprozess wirkungsvoll anzukurbeln.
Abwechlungsreiches Fastenprogramm mit Massagen, Sauna und Entspannungsabenden
Das Fastenprogramm hat seine Konstanten. Dienstag und Donnerstag nach dem „Abendessen“ Sauna, Montag, Mittwoch und Freitag Abendprogramm im weitläufigen Seminarraum des überaus gastlichen Hauses, wo uns Inge bei Laune und „vollem“ Bewusstsein hält. Mit Atem-, Entspannungs- und Meditationsübungen, begleitet von indianischen bis kosmischen Sphärenklängen. An jedem Inge-Abend schreiben wir unser persönliches Wellness-Profil fort. Es ist gegliedert in: „Körperliche Fitness und Gesundheit“, „Emotionale Gesundheit“, „Beziehungen zu Mensch und Natur“, „Mentale Fitness“, „Lebensphilosophie“ und „Wohlbefinden im Beruf“. Ein Punktesystem mündet in ein Kurvendiagramm, dessen Verlauf man bei aufrichtiger Selbstbewertung seine aktuelle körperliche, geistige und seelische Verfassung entnehmen kann.
An den Nachmittagen unbedingt zu empfehlen: Das vielfältige Massageprogramm: Zum Beispiel die etwa einstündige manuelle Lymphdrainage. Eine ungemein erquickliche Massage der den ganzen Körper durchziehenden Lymphbahnen, die das Ausscheiden der „Schlacken“ und die Auflösung von „Staus“ fördert und damit das Fasten wirkungsvoll unterstützt. Andere schwören auf die Ayurvedische Ganzkörper-Massage mit Kirchererbsenmehl-Peeling (ca. 90 Minuten), auf die Fußreflexzonenmassage (ca. 30 Minuten), die Ganzkörpermassage mit Sesamöl (ca. 60 Minuten), den ayurvedischen Stirnölguss namens Shirodhara (ca. 60 Minuten) oder das asiatische Ganzkörperpeeling. Diese wohltuenden, heilsamen Massagen sind allerdings nicht im Seminarpreis inbegriffen.
Ausflüge in die Umgebung sind neben den täglichen Wanderungen eine willkommene Abwechslung. So führt es uns in die mit rund 60.000 Einwohnern größte Stadt des Allgäus. Kempten nimmt stolz für sich in Anspruch, eine der ältesten Städte Deutschlands zu sein. Der griechische Geschichtsschreiber Stravin erwähnte schon im ersten Jahrhundert einen Ort namens Kambodunon (lat. „Cambodunum“). Das heißt so viel wie „Siedlung an der Flusskrümmung“. Hier, im heutigen Zentrum der Allgäuer Molkereiwirtschaft, haben die alten Römer unübersehbare Spuren hinterlassen. So vermittelt der Archäologische Park „Cambodunum“ ein lebendiges Bild der antiken römischen Vergangenheit.
Die von würdevollen Patrizier- und Fachwerkhäusern gesäumten Altstadtstraßen machen den Bummel durch die ausgedehnte Fußgängerzone der „Hochschulstadt Kempten“ zu einem – im wahrsten Sinne des Wortes – höchst erbaulichen Erlebnis. Und lenken ab von den verführerischen Auslagen in Bäckereien, Konditoreien, Metzgereien und den üppigen Speisekarten einladender Gasthäuser, die uns – seien wir ehrlich - das Wasser im Munde zusammen laufen lassen. Wir witzeln in masochistischer Herzenslust über die sirenenhaften Verlockungen und sind um so stolzer auf unsere ungebrochene Widerstandsfähigkeit.
Wir könnten Allgäuer Bäume ausreißen
Es ist wie ein Wunder: Am dritten Fastentag sind jegliche Hungerattacken wie weggeblasen. Kopf-, Bauch- und Gliederschmerzen, die so mancher Teilnehmerin etwas zugesetzt haben, sind einem ruhigen Wohlbefinden, einer tiefen Gelassenheit gewichen. Das Durchschnittstempo bei den bis zu 12 Kilometer langen Wanderungen steigt merklich. Viel trinken und viel Bewegung in der wunderbaren Natur: Das Erfolgsgeheimnis jeder Fastenkur. Da mal ein kleines Tischtennisturnier. Dort ein paar Bahnen im Schwimmbad. Keine Reizüberflutungen. Kein Fernseher. Endlich die Bücher lesen, die man schon lange lesen wollte. In sich hineinhorchen. Faulenzen und dösen. Sich besinnen und sein inneres Gleichgewicht finden. Und vor dem Schlafengehen ein Spaziergang unter dem Oberallgäuer Sternenhimmel.
Mit jedem Fastentag fühlen wir uns freier, beschwingter und stärker. Wir könnten Allgäuer Bäume ausreißen. Auch wenn die Gruppendynamik so ihre Tücken hat und die Neurosen blühen (dürfen). Der Kopf ist klar wie die tägliche Gemüsebrühe, die Alltagsprobleme sind jenseits des Horizontes. Mein Schlaf ist selten so tief wie in dieser Fastenwoche. Am Ende gibt uns Inge noch ausführliche Tipps für das Fastenbrechen (daher auch das englische Wort „Breakfast“) und die kommenden Aufbautage mit auf den Heimweg. Denn das Zurückschalten von der inneren auf die äußere Ernährung ist schwieriger und erfordert mehr Disziplin als der Einstieg ins Fasten.
Der willkommene Nebeneffekt nach diesem Fastival? Die Hose schlackert, dass es eine wahre Pracht ist. Fünf Kilo weniger Lebendgewicht haben den Umfang der von ihr einst heftig umspannten Knautschzone merklich reduziert. Die Haut ist hell, weich und glatt wie ein Kinderpopo. Das Gesicht hat wieder schärfere Konturen. Die Energiespeicher sind frisch gefüllt.
Joseph Weisbrod













